Wenn ChatGPT die Packungsbeilage interpretiert: Was aktuelle Studien über KI in der OTC-Beratung zeigen

Wenn ChatGPT die Packungsbeilage interpretiert: Was aktuelle Studien über KI in der OTC-Beratung zeigen

Kevin Lancashire AI Answer Audits & Platform Strategy | Founder @ Lancashire Digital 6. November 2026

Bei rezeptfreien Arzneimitteln (OTC) fällt die Vorentscheidung für oder gegen ein Präparat oft schon zu Hause – bevor jemand eine Apotheke oder Drogerie betritt und dort Fachberatung erhält. Dabei nutzen Konsumentinnen und Konsumenten neben klassischen Suchmaschinen auch öffentliche KI-Assistenten wie ChatGPT, Gemini, Claude oder Perplexity für Fragen zu Symptomen und Dosierungen.

Für Verantwortliche in Medical Affairs, Regulatory und Digital stellt sich damit eine zentrale Frage: Wie verlässlich geben Sprachmodelle Auskunft über rezeptfreie Medikamente – selbst dann, wenn ihnen der offizielle Text der Packungsbeilage vorliegt?

1. Was die empirische Forschung zur OTC-Beratung durch KI zeigt

Bisherige pharmazeutische Untersuchungen liefern ein differenziertes Warnsignal zur autonomen KI-Beratung:

  • Hohe Hürden bei unmodifizierten Modellen: In einer Untersuchung der Keio University (Tokyo) prüften Forschende 264 typische Konsumentenfragen zu 22 OTC-Präparaten (12 abgefragt mit Markennamen, 10 mit Wirkstoffnamen) über zwölf klinische Ausgangssituationen hinweg. Ein unmodifiziertes Basismodell (ChatGPT-3.5) erfüllte dabei alle drei Bewertungskriterien (Kohärenz zwischen Frage und Antwort, wissenschaftliche Korrektheit und angemessene Handlungsanweisung) gleichzeitig in nur 20,8 % der Fälle [1, 2]. Auch die Reproduzierbarkeit war begrenzt: Nur 61,8 % der korrekten Antworten wurden bei einer erneuten Eingabe am Folgetag bestätigt. Am schwächsten abschnitten die Handlungsanweisungen bei Fragen zum Autofahren und zu Begleitmedikationen [2].
  • Einfluss von Markennamen: Dieselbe Untersuchung zeigte, dass Anfragen mit kommerziellen OTC-Markennamen bei Basismodellen zu schlechteren Ergebnissen führten als Anfragen mit reinen Wirkstoffnamen [2]. Im angepassten Setup mit hinterlegten Packungsbeilagen verbesserten sich die Antworten auf Markenfragen jedoch deutlich [1].
  • Gebündelte Kriterien-Erfüllung (56,1 %): In einer darauffolgenden Studie (2025) versorgten die Forschenden ein angepasstes GPT-4-System (cGPT) direkt mit den offiziellen Texten der Packungsbeilagen aller 22 Präparate sowie fünf strukturierten Instruktionen. Während die wissenschaftliche Korrektheit bei 93,2 % und die logische Relevanz bei 100 % lagen, erreichte das System beim dritten Kriterium (Zuverlässigkeit bezüglich der Packungsbeilgen-Vorgaben) 60,2 %. Über alle drei Kriterien hinweg erfüllten 56,1 % der Antworten sämtliche Anforderungen gleichzeitig [1].
  • Kommunikationsstärke vs. strukturelle Verlässlichkeit: Neuere Modelle treten kommunikativ sehr sicher auf: In einer zweisprachigen Studie von 2026 über 22 gastrointestinale OTC-Fallvignetten erzielte ChatGPT-4.5 höhere mittlere CLEAR-Beratungswerte (4,8/5) als 58 Apothekerinnen und Apotheker (3,7–3,8/5) [3]. Grundlegende LLM-Forschungen zeigen jedoch strukturelle Schwächen – von Rechenfehlern [4] bis hin zu Sycophancy, bei der Modelle ihre Antworten nach Nutzer-Widerspruch ändern. In einer Untersuchung kippten rund 15 % aller Antworten bei Mathe- und Medizinfragen nach Widerspruch von korrekt zu falsch [5].

2. Einordnung: Übertragbarkeit der Befunde

Kritische Leserinnen und Leser aus Medical oder Regulatory Affairs werden einwenden: Die Keio-Studien stammen aus Japan und nutzten frühere Modellgenerationen – heutige Frontier-Modelle sind leistungsfähiger.

Obwohl sich die Modellfähigkeiten weiterentwickelt haben, halten zwei strukturelle Realitäten diese Erkenntnisse für OTC-Hersteller hochrelevant:

  • Kontext allein garantiert keine Compliance: Die Studie von 2025 zeigt, dass selbst dann, wenn der offizielle Packungsbeilagentext direkt im Modellkontext liegt, die gleichzeitige Erfüllung aller Kriterien in einem spürbaren Teil der Fälle fehlschlägt [1].
  • Reale Prompts entbehren kuratierter Kontexte: Im Alltag liefern Konsumenten selten verifizierte regulatorische Texte mit. Stattdessen greift die KI auf vortrainierte Gewichte oder Live-Websuchen zurück – ohne garantierte länderspezifische Leitplanken über Jurisdiktionen, Sprachen und Markenlinien hinweg.

3. Was OTC-Unternehmen in der Praxis tun können

Da Pharmaunternehmen die Modellgewichte von OpenAI, Google oder Anthropic nicht kontrollieren können, beruht das Risikomanagement auf externer Datenhoheit und systematischem Monitoring:

  • Eigene Produktdaten maschinenlesbar veröffentlichen: Pflichtangaben zu Dosierungen, Altersgrenzen, Anwendungsdauer und Kontraindikationen sollten als klar strukturierte, leicht auslesbare Inhalte auf den Marken-Websites bereitstehen – explizit getrennt nach Jurisdiktion (z. B. CH / DE / AT). Das Bereinigen veralteter Dokumente auf eigenen Domains hilft suchgestützten KI-Systemen, aktuelle Primärquellen abzurufen.
  • Systematische AI Answer Audits etablieren: Da Anfragen mit Markennamen in Basisanalysen fehleranfälliger waren [2], sollten OTC-Hersteller führende öffentliche KI-Plattformen regelmässig mit realistischen Patienten- und Apothekerfragen testen. Der Abgleich generierter Antworten mit national zugelassenen Arzneimittelinformationen (wie Swissmedic AIPS oder nationalen Fach-/Gebrauchsinformationen) deckt ausgelassene Warnhinweise, Dosierungsfehler oder Produktverwechslungen frühzeitig auf.
  • Cross-funktionale Governance aufbauen: Die Beobachtung, wie öffentliche KIs OTC-Produkte darstellen, ist keine reine Marketing-Aufgabe. Medical Affairs (klinische Risikobewertung), Regulatory Affairs (Abgleich mit zugelassenen Pflichttexten), Brand Management und Digital Leadership sollten Audit-Ergebnisse gemeinsam auswerten und in strukturierte Inhaltsverbesserungen auf den digitalen Kanälen überführen.

Transparenzhinweis: Über Lancashire Digital entwickle und führe ich AI Answer Audits für Pharma- und OTC-Unternehmen durch.

Kevin Lancashire

Digital Communications and Innovation Manager.

https://www.a-jumpahead.com/blog
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